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Wissen, Glaube, Skepsis
Zur Kritik der Christlichen Überlieferung
pp. 49-61
Abstract
Die Besinnung auf das Verhältnis von Philosophie und Theologie bleibt über alle Phasen von Löwiths Denken hinweg von zentraler Relevanz. Als maßgeblich für sie erweist sich Nietzsche: sein »unbedingt redlicher« Atheismus, der nach dem »größten neueren Ereignis«, »daß Gott tot ist« (KSA 3,573), das durch dieses ›Ereignis‹ radikal veränderte Verhältnis von Mensch und Welt neu bedenkt und der über den Nihilismus hinaus die Möglichkeit einer zukünftigen Philosophie der Welt eröffnet. Jedoch verbleibt selbst Nietzsche wie die ganze neuzeitliche Philosophie bis hin zu Heidegger für Löwith in verborgener Weise von wesentlichen Inhalten der christlichen Überlieferung bestimmt, von denen sie sich ›offiziell‹ zu empanzipieren vorgibt. Diese eigentümliche ›Dialektik‹ zeigt sich nicht nur an der Anthropotheologie des Deutschen Idealismus und der Geschichtstheologie Hegels, sondern sie gilt auch noch für die moderne Anthropologie und Geschichtsphilosophie wie für die existentiale Ontologie Heideggers. Löwith, der die Geschichte und Wirkungsgeschichte des neuzeitlichen Säkularisationsprozesses in jenem ihm eigenen distanzierten Nachvollzug als die fragwürdige Geschichte einer Zweideutigkeit zur Darstellung bringt, beharrt am Ende des Christentums und des von ihm bestimmten Denkens, zwischen Nihilismus und einer noch ausstehenden ›Wiederentdek-kung der Welt‹, auf der Position einer Skepsis, die jenseits eines metaphysischen Nihilismus und diesseits seiner ›humanen‹ Überwindung jede »geoffenbarte Wahrheit« ausschließt und sich als prüfende und »fragende Untersuchung« der Fragen des Lebens durchhält.
Publication details
Published in:
Ries Wiebrecht (1992) Karl Löwith. Stuttgart, Metzler.
Pages: 49-61
DOI: 10.1007/978-3-476-03965-1_5
Full citation:
Ries Wiebrecht (1992) Wissen, Glaube, Skepsis: Zur Kritik der Christlichen Überlieferung, In: Karl Löwith, Stuttgart, Metzler, 49–61.