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222953

Das Leuchten des Einzelnen

Destruktion und Anspielung in Schuberts Streichquintett

Michael Polth

pp. 111-131

Abstract

Die Musik der ersten achtundzwanzig Takte des langsamen Satzes aus Schuberts Streichquintett in C-Dur scheint sich nur durch ein Weniges von vollkommener Stille und Bewegungslosigkeit zu unterscheiden: Einige kurze, zarte, leise Gesten wechseln einander ab; bald ist dieses, bald jenes Instrument deutlicher zu hören; keine der Gesten dauert lange, aber eine jede kehrt in regelmäßigen Abständen wieder. Gerade dieses Wenige aber ist es, durch das die Stille, die die Musik umgibt, anzuwachsen scheint. Worte wie "Versunkenheit" und "Entrücktheit"1 zielen in gleicher Weise auf das Bewegte und Unbewegte dieser Musik, und sie besagen darüber hinaus, daß dieser Zustand der erfüllten Stille auch Ausdruck einer eigenartigen Schönheit sei. Unterstellen darf man, daß Schönheit dieser Art, in den Worten Niklas Luhmanns2 ausgedrückt, eine "überwältigende Evidenz" im Zusammenstimmen aller Teilmomente darstellt. Sie bildet den Fluchtpunkt, dem die gesamte Einrichtung eines Tonsatzes zustrebt — mit all den Auffälligkeiten, auf die in den beiden zurückliegenden Beiträgen, aber auch in Beiträgen aus vergangener Zeit bereits hingewiesen wurde: die gleichförmige Gestaltung der Takte, das langsame Tempo, die Unregelmäßigkeit der Syntax und der merkwürdige Verlauf der Tonarten. Verständlich werden diese Beobachtungen letztlich dann, wenn man sie als Ausdruck einer neuen Grundlage des Komponierens liest, die um nichts anderes als um der eigenartigen Schönheit willen in Anspruch genommen wurde.

Publication details

Published in:

Polth Michael, Schwab-Felisch Oliver, Thorau Christian (2000) Klang — Struktur — Metapher: Musikalische Analyse zwischen Phänomen und Begriff. Stuttgart, Metzler.

Pages: 111-131

DOI: 10.1007/978-3-476-01901-1_7

Full citation:

Polth Michael (2000) „Das Leuchten des Einzelnen: Destruktion und Anspielung in Schuberts Streichquintett“, In: M. Polth, O. Schwab-Felisch & C. Thorau (Hrsg.), Klang — Struktur — Metapher, Stuttgart, Metzler, 111–131.