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Von der Spiegel-Metapher zum Focus-Konzept — Diskussion der Erzählperspektive
pp. 74-112
Abstract
In Le Rouge et le Noir, einer fiktiven Chronik aus dem Jahr 1830 schrieb Stendhal (1783–1842): »ein Roman ist ein Spiegel, der sich auf einer Landstraße bewegt. Bald spiegelt er das Blau des Himmels wider, bald den Schlamm und die Pfützen des Weges.« Die Metapher des Spiegels läßt, so akzentuiert, wenigstens zwei Deutungen zu: Sie kann als Bild für eine realistische Erzählweise genommen werden, die neben den schönen auch die häßlichen, neben den erhabenen auch die niedrigen Seiten der Welt darstellt. Wichtig am Spiegel ist, so gesehen, daß er keine blinden Flecken hat, und daß man ihm nicht vorwerfen kann, wie die Welt in ihm ausschaut. Tatsächlich wird die Spiegelmetapher genau in diesem Sinne von Stendhal gebraucht. Er fährt nämlich an jenen Leser gewandt, der den Romancier der Immoralität bezichtigt, fort: »Klagen Sie lieber die Straße an, auf der sich die Pfütze befindet, oder besser den Straßeninspektor, der das Wasser sich aufstauen und die Pfütze sich bilden ließ.«
Publication details
Published in:
Bauer Matthias (1997) Romantheorie. Stuttgart, Metzler.
Pages: 74-112
DOI: 10.1007/978-3-476-04022-0_3
Full citation:
Bauer Matthias (1997) Von der Spiegel-Metapher zum Focus-Konzept — Diskussion der Erzählperspektive, In: Romantheorie, Stuttgart, Metzler, 74–112.